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08.03.2002

Vegetarische Ernährung

Forschungsinstitut für Kinderernährung Dortmund

 

Als Vegetarier bezeichnet man Personen, die keine Nahrungsmittel zu sich nehmen, die von getöteten Tieren stammen. Dazu gehören neben Landtieren auch Fische, Weich- und Schalentiere. Es werden verschiedene Formen des Vegetarismus unterschieden:

  • Ovo-Lacto-Vegetarier lehnen den Verzehr von Fleisch und Fisch ab, akzeptieren allerdings Eier und Milch
  • Lacto-Vegetarier lehnen außer Fleisch und Fisch auch den Verzehr von Eiern ab, verzehren aber Milch
    Ovolaktovegetarier und Laktovegetarier werden meist vereinfachend als "Vegetarier" bezeichnet. Sie bilden die bei weitem größte Gruppe der Vegetarier. Zwischen ovolaktovegetarischer und laktovegetarischer Kost muss auch aus gesundheitlicher Sicht nicht unterschieden werden, da Eier in mäßigen Mengen keinen bedeutenden Beitrag zur Nährstoffzufuhr leisten.
  • Veganer ernähren sich ausschließlich von pflanzlicher Kost und lehnen somit auch Milch und Milchprodukte, sowie Honig ab. Als eine Untergruppe der Veganer können noch die Makrobioten gezählt werden. Sie verzehren zwar Fisch, lehnen aber alle anderen tierischen Lebensmittel ab und bevorzugen von den pflanzlichen hauptsächlich Getreide und bestimmte Gemüsesorten, sowie Algen und Sojaprodukte.

Die Zusammenstellung der jeweils akzeptierten Lebensmittel ist für die ernährungsphysiologische Qualität der vegetarischen Kost entscheidend.

Ovo-lacto-vegetabile Kost

Ovo-lacto-vegetabile Kost enthält neben pflanzlichen Lebensmitteln auch Milch, Milchprodukte und Eier. Aus diesen Lebensmittel-Gruppen lässt sich eine kohlenhydratreiche, ballaststoffreiche und relativ fettarme Kost zusammenstellen. Weniger tierische Fette in der Ernährung bedeuten gleichzeitig weniger gesättigte Fettsäuren, Cholesterin und Purine und im Verhältnis mehr ungesättigte Fettsäuren. Eine derartige Kost ist grundsätzlich wünschenswert und von Vorteil für die Vorbeugung von Zivilisationskrankheiten, wie Adipositas, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Bluthochdruck, Osteoporose, Gicht und manche Krebsarten [1].

Die Zufuhr von Vitaminen muß differenziert betrachtet werden. Eine vegetarische Kost enthält größere Mengen an Carotin (= Vorstufe von Vitamin A), Vitamin C und Folsäure als die übliche Kost, da diese Vitamine besonders in Früchten, Gemüse und anderen pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen. Dagegen ist die Zufuhr der Vitamine D, B2 und B12 mit vegetarischer Kost meist niedriger, da diese Vitamine hauptsächlich in tierischen Lebensmitteln enthalten sind. Mit einer Kost, die Milchprodukte enthält, kann der Bedarf der Vitamine D, B2 und B12 jedoch gedeckt werden.

Problematisch ist dagegen die Eisenversorgung bei (ovolakto)vegetarischer Ernährung. Die Bioverfügbarkeit von Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln ist wesentlich schlechter als aus Fleisch, das heißt der Körper kann von dem in pflanzlicher Nahrung vorhandenen Eisen vergleichsweise weniger aufnehmen und verwerten. Außerdem verbessert Fleisch in einer Mahlzeit die Biovberfügbarkeit von Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln [2].
Ein ausgeprägter Eisenmangel ist bei vegetarisch ernährten Kindern und Erwachsenen zwar nicht häufiger als bei üblicher Kost, aber die Eisenreserven von Vegetariern sind im Vergleich deutlich geringer [3].
Fleisch hat insbesondere in der Säuglingsernährung eine wichtige Aufgabe. Bei der Einführung von Beikost wird dem Säugling durch fleischhaltigen Kartoffel-Gemüse-Brei das wichtige Eisen in optimaler Verfügbarkeit angeboten. Eine gleichwertige Eisenversorgung des Säuglings und Kleinkindes ist mit fleischfreier Kost unsicherer.
Eisenreiche pflanzliche Lebensmittel sind besonders Getreide wie Hafer und Hirse, Vollkornbrot und Hülsen früchte. Darüber hinaus verbessert der gleichzeitige Verzehr Vitamin C-haltiger Lebensmittel (z.B. Vitamin C-reiche Gemüse- und Obstsorten wie Paprika, Broccoli, Rosenkohl, Grünkohl, Südfrüchte, Kiwis) die Verfügbarkeit von Eisen aus pflanzlichen Produkten. Diesen Effekt kann man geschickt ausnutzen, indem man z.B. Orangensaft ins Müsli gibt oder ein Glas Orangensaft zur Hauptmahlzeit trinkt.

Durch den Verzicht auf Fisch geht dem Vegetarier auch eine wichtige Quelle für Jod verloren. In Deutschland ist Jodmangel mit der Folge von Kropf weit verbreitet. Deshalb sollte unbedingt jodiertes Speisesalz (aber sparsam!) verwendet werden. Brot und Fertigprodukte, die mit jodiertem Speisesalz hergestellt wurden, sollten bevorzugt werden.

Vegetarier, die regelmäßig Milch, Milchprodukte und Eier verzehren und in ihrer Kost Gemüse, Obst und Getreideprodukte abwechslungsreich kombinieren, können ihren Nährstoffbedarf in der Regel decken. Für die notwendige gut überlegte Kostzusammenstellung ist jedoch ein spezielles Ernährungswissen erforderlich.

Eine ovo-lacto-vegetabile Ernährung von Säuglingen und Kindern erfordert besondere Kenntnisse bei der Nahrungsmittelauswahl, da aufgrund des Wachstumsbedarfs zum Teil höhere Anforderungen an den Nährstoffgehalt der Kost zu stellen sind. Für andere Personengruppen mit einem erhöhten Nährstoffbedarf, z.B. Schwangere und Stillende, gilt das ebenfalls.

Lacto-vegetabile Kost

Die lacto-vegetabile Kost unterscheidet sich von der ovo-lacto-vegetabilen Kost durch den zusätzlichen Verzicht auf Eier. Eier sollten bei jeder Form der Ernährung nur in begrenztem Umfang (bis zu 3 Stück/Woche) verzehrt werden.

Bei völligem Verzicht auf Eier ergeben sich keine nennenswerten Auswirkungen auf die Nährstoffzufuhr.

Vegane Kost

Eine vegane Kost, bei der außer Fleisch und Fisch auch Eier und Milchprodukte abgelehnt werden, erfordert überdurchschnittliche lebensmittelkundliche Kenntnisse, um die erlaubten Lebensmittel pflanzlicher Herkunft nach Art und Menge richtig zusammenzustellen. Diese Voraussetzungen sind in der Regel beim Einzelnen nicht gegeben. Der Nährstoffgehalt der veganen Kost ist deshalb häufig unzureichend, was insbesondere für Säuglinge und Kinder sowie für Schwangere und Stillende sehr folgenschwer sein kann.

Bei streng vegetarischer Ernährung ist eine bedarfsgerechte Nährstoffzufuhr bei mehreren Nährstoffen nämlich nicht möglich. Besonders kritisch sind Calcium, Vitamin D, Vitamin B12, Eisen und Vitamin B2. Im Wachstumsalter kann zusätzlich die Versorgung mit Eiweiß und Energie ein Problem werden.

Ohne Milch und Milchprodukte, die die Hauptlieferanten für Calcium (zum Knochenaufbau) sind, ist es nicht möglich, die empfohlenen Mengen an Calcium aufzunehmen.
Vitamin B12 findet sich fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln, so daß eine streng vegetarische Ernährungsweise über einen langen Zeitraum zu Vitamin B12-Mangel (rückbildungsfähige Störung der Blutbildung und vor allem nicht rückbildungsfähige (!) Störungen von Nervenfunktion und Hirnentwicklung) führen kann. Sie treten um so früher auf, je kleiner die Körperspeicher der betreffenden Person sind und je größer der Bedarf ist. Am stärksten gefährdet sind deshalb gestillte Säuglinge von streng vegetarisch ernährten Müttern [4].
Auch Vitamin D und seine Vorstufen kommen überwiegend in tierischen Lebensmitteln vor, besonders in Fisch Eiern und Milch.
Gute Vitamin B2-Lieferanten sind bei üblicher Ernährung überwiegend Milch- und Milchprodukte, sowie Fleisch. Weitere Quellen sind Vollkorngetreide und manche Gemüse. Das Risiko eines B2-Mangels bei veganer Ernährung kann daher durch eine entsprechende Lebensmittelauswahl vermindert werden.
Durch die Ablehnung sämtlicher tierischer Eiweißquellen kann auch die Eiweißversorgung zum Problem werden. Pflanzliches Eiweiß hat eine Aminsosäuren-zusammensetzung, die dem Bedarf des Menschen weniger entspricht als die Aminosäurenzusammensatzung von tierischem Eiweiß. Man spricht von einer niedrigeren "biologischen Wertigkeit". Eiweiß aus tierischen Lebensmitteln hat die höchste biologische Wertigkeit. Die geringe biologosche Wertigkeit von pflanzlichem Eiweiß kann verbessert werden, in dem bestimmte pflanzliche Lebensmittel miteinander kombiniert werden, wie z.B. Hülsenfrüchte mit Getreide. Allerdings sind hierfür spezielle Kenntnisse erforderlich. Im Säuglings- und Kleinkindalter kann es vollständigem Verzicht auf Lebensmittel tierischer Herkunft aufgrund des hohen Wachstumsbedarfs und zu Eiweißmangel und Wachstumsstörungen kommen.
Reine Pflanzenkost hat eine relativ geringe Energiedichte, d.h. der Energiegehalt in Bezug aug die Nahrunmgsmenge ist in der Regel niedrig. Dies ist besonders dann der Fall, wenn überwiegend Rohkost in Form von Obst und Gemüse, aber wenig Getreide und Kartoffeln verzehrt werden. da eine solche Kost voluminös ist, besteht die Gefahr, dass Säuglinge und Kleinkinder nicht ausreichend Nahrung aufnehmen können, um ihren hohen Energiebedarf für das Wachstum zu decken.

Eine vegane Ernährung kann deshalb aufgrund zahlreicher Risiken für keine Bevölkerungsgruppe empfohlen werden. Die Risiken sind umso größer, je höher der bedarf an Energie und Nährstoffen ist. Bei Säuglingen und Kindern sowie bei Schwangeren und Stillenden muss besonders davor gewarnt werden, da schwerste irreparable Schäden möglich sind.

Praktische Empfehlungen

Eine abwechslungsreiche Mischkost, die sowohl pflanzliche als auch tierische Lebensmittel enthält, bietet nach den heutigen Erkenntnissen für alle Altersgruppen die größte Sicherheit für eine gute Versorgung mit allen Nährstoffen. Praktische Anleitungen für eine solche Ernährung bietet der "Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr" und die "Optimierte Mischkost" für Kinder, Jugendliche und Familien.

Möchte eine Familie sich (ovolakto)vegetarisch ernähren und auch in der Ernährung der Kinder auf Fleisch verzichten, sollte eine kompetente Ernährungsberatung in Anspruch genommen werden.

Pflanzliche Lebensmittel mit einem hohen Eisengehalt sind Vollkorngetreide und daraus hergestellte Produkte, wie z.B. Vollkornbrot und Vollkornflocken. Auch Hülsenfrüchte (Linsen, Erbsen) und bestimmte Gemüse- und Salatsorten (Schwarzwurzeln, Spinat, Mangold, Feldsalat) sind eisenreich.
Die schlechte Verfügbarkeit von Eisen aus pflanzlichen Lebensmitteln kann erheblich verbessert werden, wenn gleichzeitig Vitamin C aufgenommen wird. Die dazu erforderlichen Mengen an Vitamin C sind mit üblichen Lebensmitteln zu erreichen. Durch 50 mg Vitamin C (z.B. in 100ml Orangensaft enthalten) wird die Bioverfügbarkeit von Eisen in einer vegetarischen Mahlzeit bereits etwa verdoppelt [5].

Bei fleischfreier Ernährung des Säuglings kann der Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei, der gemäß dem Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr ab dem 5. Monat vorgesehen ist, durch in einen vegetarischen Gemüse-Kartoffel-Getreide-Brei mit Haferflocken unter Zugabe von Vitamin C-reichem Obstsaft (z.B. Orangensaft) abgewandelt werden.

Soll industriell hergestellte Beikost verwendet werden, können Gemüse-Vollkorngetreide-Breie verwendet werden, die es als Gläschenkost gibt, als Alternative zu den üblichen fleischhaltigen Menüs verwendet werden. Falls aus der Zutatenliste hervorgeht, dass das fleischfreie Fertigprodukt keinen Vitamin C-Zusatz enthält, dann sollten dem Gemüse-Vollkorngetreide-Brei einige Eßlöffel Orangensaft oder anderer Saft für Säuglinge mit vergleichbar hohem Vita,min C-Gehalt (etwa 40mg Vitamin C pro 100 ml, siehe Ausdruck auf der Banderole) zugesetzt werden.

Der fleischfreie alternative Gemüse-Getreide-Brei sollte ebenso wie der Getreide-Obst-Brei milchfrei sein, damit nicht durch die Milch die Bioverfügbarkeit von Eisen in der Mahlzeit vermindert wird.

Bei fleischfreier Ernährung von Kindern, Jugendlichen und Familien gibt es viele Möglichkeiten, eisenreiche pflanzliche Lebensmittel mit Vitamin C-reichen Lebensmitteln in einer Mahlzeit zu kombinieren:
• Müsli aus Vollkornprodukten mit Orangensaft oder Frischobst
• Orangensaft (etwa 100ml) oder Frischobst bzw. Gemüserohkost zur Brotmahlzeit mit Vollkornbrot
• Vollkornreis- oder Vollkornnudelauflauf mit Paprika (roh oder gedünstet)
• Getreidebratling mit Kohlrabi (roh oder gedunstet)

Sollte ein Kind dennoch entgegen der Empfehlung streng vegetarisch (vegan) ernährt werden, sollte zur Verminderung der größten Risiken mindestens für einen geeigneten Milchersatz gesorgt werden, mit dem Vitamin B12, Calcium und Vitamin D zugeführt werden. Hierfür kommen spezielle Säuglingsmilchnahrungen auf Sojabasis in Frage. Diese Sojamilchnahrungen können auch bei älteren Kindern als Ersatz für Kuhmilch eingesetzt werden.

 

Literatur :

[1] Schöch G., Kaiser B., Kersting M.: Vor- und Nachteile des Vegetarismus. Monatsschrift Kinderheilkunde 144, S.232-238, 1996

[2] Fairbanks V.-F.:Iron in medicine and nutrition. In: Shils M.E., Olson J.-A., Shike M. (Hrsg.):Modern nutrition in health and disease. 8. Auflage, Philadelphia: Lea & Febiger, 1994

[3] Craig W.J.: Iron status of vegetarians. American Journal of Clinical Nutrition 59, S.1233-1237, 1994

[4] Graham S.-M., Arvela O.-M., Wise G.-A.: Longterm neurologic consequences of nutritional vitamin B12 deficiency in infants. Journal of Paediatrics 121, S.710-714, 1992

[5] Monsen E.-R.: Iron nutrition and absorption:dietary factors which impact iron bioavailability. Journal of the American Diatetic Association, Ass. 88, S.786-790, 1988



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